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Kurze Ausführungen zur Theorie der Semantik natürlicher Sprachen

Kurze Ausführungen zur Theorie der Semantik natürlicher Sprachen published on 1 Kommentar zu Kurze Ausführungen zur Theorie der Semantik natürlicher Sprachen

Der folgende Artikel entstand ursprünglich als Kommentar bei Metalust & Subdiskurse Reloaded. Daher etwas medias in res.

Tarski selbst hat die Anwendbarkeit seiner Wahrheitstheorie auf die natürlichen Sprachen ja bestritten, weil er natürliche Sprachen sozusagen für in sich unrettbar inkonsistent hielt (so habe ich ihn da zumindest in Erinnerung), da sich in natürlichen Sprachen beispielsweise das Lügnerparadoxon formulieren läßt. Die entscheidende Trennung zwischen Objekt- und Metasprache hatte auch gerade dessen Vermeidung zum Ziel: Wenn ich verlange, daß jede Aussage über Sätze der Objektsprache, insbesondere Aussagen der Form "S ist wahr", nicht zur Objektsprache selbst gehören dürfen, dann habe ich die Formulierung des Lügnerparadoxons erst einmal verhindert. Gewissermaßen ist das also ein ziemlich grober Trick, um sich um gewisse Dinge herumzudrücken. Andererseits hatte man danach zumindest für formale Kunstsprachen eine brauchbare Wahrheitsdefinition, und das war zumindest hinsichtlich der Grundlagenfragen in der Mathematik schon mal ganz nett.
Der Tarski-Schüler Richard Montague hat dann in den Siebzigern seinen Abfall vom Lehrer ziemlich eindrucksvoll inszeniert, indem er verkündete, er sehe zwischen formalen und natürlichen Sprachen keinen wesentlichen Unterschied und in drei Artikeln (The Proper Treatment of Quantification in Ordinary English, English as a Formal Language und Universal Grammar formale Analysen von Fragmenten des Englischen (in denen das Lügnerparadoxon auch nicht formulierbar ist) präsentierte, die es erlaubten, die Bedeutung (i.S.v. Wahrheitsbedingungen) einer recht eingeschränkten Reihe von Sätzen nicht nur formal zu explizieren, sondern auch ausgehend von den beteiligten Wörtern und der Satzstruktur zu berechnen. Eines der Hauptziele war dabei, bestehende Folgerungsbeziehungen zwischen natürlichsprachlichen Sätzen formal nachweisen zu können.
Die Analysen waren zwar nicht perfekt und beackerten wie gesagt noch einen sehr beschränkten Phänomenbereich, eröffneten aber neue Perspektiven und markieren den eigentlichen Startschuß für die Entwicklung der Wissenschaft von der Semantik natürlicher Sprachen. In wesentlichen Teilen ist das aber der Versuch, das in "Über Sinn und Bedeutung" angedeutete Programm durchzuführen. Die Hauptaufgabe ist dabei m.E. noch immer die Klärung der Frage, wie sich die Wahrheitsbedingungen von Sätzen aufgrund der enthaltenen Wörter und ihrer Zusammensetzung konstituieren, und wie gut diese Frage geklärt ist zeigt sich maßgeblich daran, ob sich die zwischen Sätzen bestehenden Folgerungsbeziehungen im Rahmen der Theorie formal nachweisen lassen.
Insofern geht es dann immer um mögliche Explikationen dessen, was beobachtbar der Fall ist. Aus "Hannes ist Junggeselle" kann ich auf "Hannes ist unverheiratet" schließen, aus "Hannes hat alle Werke von Shakespeare gelesen" und "Hamlet ist ein Werk von Shakespeare" auf "Hannes hat Hamlet gelesen". Dafür allein braucht man noch keine Theorie. Aufgabe der semantischen Theorie ist es, grammatisch-semantische Analysen der Sätze anzubieten, auf deren Basis sich diese Folgerungsbeziehungen nachweisen lassen und auf diese Weise das Verständnis der grammatisch-semantischen Strukturen von Sprachen insgesamt zu erweitern.

1 Kommentar

Der Startschuß erfolgte aber schon früher, oder? Das ist ja eigentlich schon der Übergang vom "Tractatus" zu den "Philosophischen Untersuchungen" Wittensteins, der meines Wissens im wesentlichen von der Erkenntnis geleitet war, dass formalisierte "Idealsprachen" gar nicht anders können, als in normaler Alltagssprache zurück zu gründen: Eines dieser "immer schon"-Argumente, das philsophiegeschichtlich ungeheur bedeutsam ist und die ganze Wissenschaftskritik, ja, Gesellschaftstehorie eines Habermas zum Beispiel fundiert.

Und die "Ordinary Language Philosophy" eines Gilbert Rayle hat auch früher los gelegt.

Bei Hannes und Shakespeare verhedderst Du Dich insofern ein wenig, glaube ich, weil Du - wie Kant es nennen würde - analytische Urteile und synthetische Urteile mixt.

Der unverheiratete Junggeselle ist ja der Klassiker für analytische Urteile: "Jungeselle" wird ebenso verwendet, dass man es auf "Unverheiratete" bezieht, das ist ja ein Aufdröseln eines definitorischen Zusammenhangs und gar kein Schluss.

Und "Shakespeares Werke" und "Hamlet"sind einfach unterschiedliche Allgemeinheitsniveaus -ist das denn dann überhaupt synthetisch?

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