{"id":587,"date":"2010-07-12T17:56:08","date_gmt":"2010-07-12T16:56:08","guid":{"rendered":"http:\/\/mentalschnupfen.org\/?p=587"},"modified":"2010-07-12T18:00:34","modified_gmt":"2010-07-12T17:00:34","slug":"587","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mentalschnupfen.org\/?p=587","title":{"rendered":"Der Bundespr\u00e4sident: Im Bad \u00fcberfordert. \u00dcber Pr\u00e4suppositionen."},"content":{"rendered":"<p>Als <em>Pr\u00e4suppositionen<\/em> werden in der Sprachwissenschaft, grob gesagt, Voraussetzungen daf\u00fcr bezeichnet, da\u00df ein Satz sinnvoll ge\u00e4u\u00dfert werden kann. Man findet sie an unterschiedlichen Stellen, h\u00e4ufig abh\u00e4ngig von bestimmten W\u00f6rtern. So f\u00fchrt z.B. <em>aufh\u00f6ren<\/em> eine Pr\u00e4supposition ein, die man u.a. daran erkennt, da\u00df die Frage (1) gemeinhin als unfair empfunden wird:<\/p>\n<p>(1) Haben sie aufgeh\u00f6rt, ihre Frau zu schlagen?<\/p>\n<p> <!--more--><\/p>\n<p>In (1) scheint die Unterstellung, der angesprochene <em>habe<\/em> seine Frau geschlagen, zwingend enthalten zu sein. Das liegt an einer der interessanten Eigenschaften, die Pr\u00e4suppositionen meist haben (oft wird sie als das definierende Kriterium betrachtet): Pr\u00e4supponiert ein Satz <em>S<\/em> etwas, so wird auch der Satz <em>nicht S<\/em> dasselbe pr\u00e4supponieren. Und darin liegt bereits eine der Schwierigkeiten, die sich an dieses Ph\u00e4nomen kn\u00fcpfen: Eine Pr\u00e4supposition kann nicht einfach als von dem Satz, zu dem sie geh\u00f6rt, impliziert betrachtet werden, denn sonst lie\u00dfe sich auf die unbedingte G\u00fcltigkeit <em>jeder<\/em> Pr\u00e4supposition schlie\u00dfen. Denn wenn sowohl \"wenn S dann P\" gilt als auch \"wenn nicht S dann P\", f\u00fcr beliebige S\u00e4tze S und P, dann gilt (im Rahmen der klassischen Logik) auf jeden Fall P. Denn \"S oder nicht S\" gilt immer, und sowohl aus \"S\" als auch aus \"nicht S\" l\u00e4\u00dft sich auf \"P\" schlie\u00dfen, womit \"P\" in jedem Fall gilt.<\/p>\n<p>Stattdessen betrachtet man Pr\u00e4suppositionen also oft als Voraussetzungen (das ist ja auch die Bedeutung des Wortes) die erf\u00fcllt sein m\u00fcssen, damit etwas sinnvoll gesagt werden kann. Ist eine Pr\u00e4supposition eines Satzes in einer bestimmten \u00c4u\u00dferungssituation nicht erf\u00fcllt, so betrachtet man den Satz weder als wahr noch als falsch, sondern eher als unpassend oder unangebracht. Das ist auch etwa das, was einem zu (1) einf\u00e4llt, sofern man davon ausgeht, da\u00df der Angesprochene nie seine Frau geschlagen hat - oder da\u00df er keine Frau hat (denn auch dies - da\u00df er eine Frau habe - ist eine Pr\u00e4supposition von (1)).<\/p>\n<p>Nicht nur bestimmte W\u00f6rter k\u00f6nnen Pr\u00e4suppositionen einf\u00fchren; manche Konstruktionen k\u00f6nnen es auch. So z.B. (f\u00fcr weitere Beispiele w\u00e4re ich dankbar!) die sogenannten <em>Spalts\u00e4tze<\/em>:<\/p>\n<p>(2) Es war im Jahr 1776, da\u00df die Vereinigten Staaten von Amerika ihre Unabh\u00e4ngikeit erkl\u00e4rten.<\/p>\n<p>Pr\u00e4supponiert wird dabei der Inhalt des <em>da\u00df-<\/em>Satzes.<\/p>\n<p>Ein weiterer interessentanter Pr\u00e4suppositionseinf\u00fchrer ist der bestimmte Artikel. Man vergleiche eine \u00c4u\u00dferung des Satzes in (3) zum heutigen Zeitpunkt mit einer \u00c4u\u00dferung desselben Satzes vor zwei Wochen.<\/p>\n<p>(3) Der Bundespr\u00e4sident ist mit seinem Amt \u00fcberfordert.<\/p>\n<p>Der bestimmte Artikel pr\u00e4supponiert die Existenz eines im Kontext eindeutig bestimmten Elementes der Menge, die durch die Nominalkonstruktion, mit der er steht, bezeichnet wird. Als unser Land vor zwei Wochen noch wehm\u00fctig der Wahl eines neuen Pr\u00e4sidenten zu harren hatte, da war die Pr\u00e4supposition nicht erf\u00fcllt. Auch bei (3) sieht man, da\u00df die Pr\u00e4supposition im Fall der Negation des Satzes erhalten bleibt.<\/p>\n<p>(3') Der Bundespr\u00e4sident ist mit seinem Amt nicht \u00fcberfordert.<\/p>\n<p>Interessant ist nun, da\u00df, w\u00e4hrend man (3) und (3') vor zwei Wochen eher als unangemessen denn als falsch eingestuft h\u00e4tte, (4) zu diesem Zeitpunkt viel eher als falsch eingestuft worden w\u00e4re.<\/p>\n<p>(4) Der Bundespr\u00e4sident hat gestern mit mir gebadet.<\/p>\n<p>Bisher hat man meines Wissens keine befriedigende Theorie, um diesen Unterschied zu erkl\u00e4ren; eine Arbeitshypothese (die ich noch nicht n\u00e4her untersucht habe) w\u00e4re, da\u00df ein Zusammenhang herzustellen ist zwischen den Pr\u00e4suppositionsdaten zu (3) und (4) und dem Umstand, da\u00df (3) dem Bundespr\u00e4sidenten einen Zustand zuschreibt w\u00e4hrend (4) ihm eine Rolle im Rahmen eines Ereignisses (des Bades mit mir) zuschreibt. Der Unterschied w\u00e4re dann dadurch zu erkl\u00e4ren, da\u00df Ereignisse 'empirische Entit\u00e4ten' sind, w\u00e4hrend Zust\u00e4nde es nicht sind. Gemeint ist das so: Um den Wahrheitswert von (4) zu ermitteln hat man zwei M\u00f6glichkeiten (womit nicht gemeint ist, da\u00df diese tats\u00e4chlich umsetzbar seien): Man kann (i) den Bundespr\u00e4sidenten ausfindig machen und \u00fcberpr\u00fcfen, ob dieser am Vortag ein Bad mit mir genommen hat oder (ii) alle Bade-Ereignisse des Vortags ausfindig machen, an denen ich beteiligt war, und \u00fcberpr\u00fcfen, ob an einem von diesen der Bundespr\u00e4sident beteiligt war. Um den Wahrheitswert von (3) zu ermitteln bietet sich dagegen nur die M\u00f6glichkeit, erst den Bundespr\u00e4sidenten ausfindig zu machen und dann zu \u00fcberpr\u00fcfen, ob dieser mit seinem Amt \u00fcberfordert ist. Intuitiv wirkt es darum so, als ob dem Ausfindigmachen des Pr\u00e4sidenten bei der Beurteilung von (3) eine gr\u00f6\u00dfere Bedeutung zukomme als bei der Beurteilung von (4). Im Fall von (4) kann man ja von M\u00f6glichkeit (ii) Gebrauch machen und mu\u00df dann gar nicht mehr den Pr\u00e4sidenten ausfindig machen, sondern nur nachweisen, da\u00df keiner von denen, die mit mir gebadet haben (falls es \u00fcberhaupt welche gibt), ein\/der Bundespr\u00e4sident war.<\/p>\n<p>Wie gesagt, da\u00df ist nur eine vage Arbeitshypothese. Ich habe noch keine Ahnung, wie man sie vern\u00fcnftig pr\u00e4zisieren k\u00f6nnte, und ebensowenig wei\u00df ich, ob sie der Konfrontation mit weiteren Daten lange standhalten wird. F\u00fcr jede Art von Kritik bin ich darum dankbar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Pr\u00e4suppositionen werden in der Sprachwissenschaft, grob gesagt, Voraussetzungen daf\u00fcr bezeichnet, da\u00df ein Satz sinnvoll ge\u00e4u\u00dfert werden kann. 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