{"id":509,"date":"2010-04-29T12:42:03","date_gmt":"2010-04-29T11:42:03","guid":{"rendered":"http:\/\/mentalschnupfen.org\/?p=509"},"modified":"2010-05-27T10:41:00","modified_gmt":"2010-05-27T09:41:00","slug":"auflosung-des-preisratsel-im-letzten-eintrag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mentalschnupfen.org\/?p=509","title":{"rendered":"Aufl\u00f6sung des Preisr\u00e4tsels im letzten Eintrag"},"content":{"rendered":"<p><a title=\"Preisr\u00e4tsel\" href=\"http:\/\/mentalschnupfen.org\/?p=507\" target=\"_blank\">Hier<\/a> hatte ich gefragt, wie das Genus (femininum, maskulinum oder neutrum) von \"Leute\" zu bestimmen sei. Diese Frage macht knifflig, da\u00df im Deutschen die Paradigmen aller Genera im Plural zusammen fallen. Das gilt f\u00fcr Substantive, Adjektive und definite Artikel gleicherma\u00dfen. Somit ist nicht offensichtlich, wie man das Genus einer Nominalphrase (NP) im Plural bestimmen k\u00f6nnte, und \"die Leute\" ist nur im Plural erh\u00e4ltlich - Wortwitze wie \"der\/die\/das Leut\" haben bisher jedenfalls keinen wirklichen Einzug in die Umgangssprache gehalten.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Es ergibt sich aber tats\u00e4chlich eine M\u00f6glichkeit, das grammatische Geschlecht von \"die Leute\" herauszufinden. Man macht sich daf\u00fcr ein sogenanntes<em> Kongruenzph\u00e4nomen<\/em> zunutze. Wenn ein Kongruenzph\u00e4nomen innerhalb eines Satzes vorliegt, so bedeutet das, da\u00df bestimmte Ersetzungen oder Ver\u00e4nderungen eines Bestanteils des Satzes Ersetzung oder Ver\u00e4nderung eines anderen Bestandteils bedingen. Man kann das auch so ausdr\u00fccken, da\u00df die kongruierenden Satzbestandteile gewisse Merkmale miteinander teilen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>So mu\u00df im Deutschen beispielsweise das Subjekt eines Satzes mit dem finiten Verb des Satzes kongruieren - die sogenannte Subjekt-Verb-Kongruenz. Die Kongruenzmerkmale sind dabei Person und Numerus.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>(1)<\/td>\n<td>(a)<\/td>\n<td><\/td>\n<td>Der Priester<\/td>\n<td>war<\/td>\n<td>sehr erregt<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td>3. Sg<\/td>\n<td>3. Sg<\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td>(b)<\/td>\n<td><\/td>\n<td>Die Priester<\/td>\n<td>waren<\/td>\n<td>sehr erregt<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td>3. Pl<\/td>\n<td>3. Pl<\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td>(c)<\/td>\n<td><\/td>\n<td>Du<\/td>\n<td>warst<\/td>\n<td>sehr erregt<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td>2. Sg<\/td>\n<td>2. Sg<\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>(2)<\/td>\n<td>(a)<\/td>\n<td>*<\/td>\n<td>Der Priester<\/td>\n<td>waren<\/td>\n<td>sehr erregt<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td>3. Sg<\/td>\n<td>3. Pl<\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td>(b)<\/td>\n<td>*<\/td>\n<td>Ich<\/td>\n<td>warst<\/td>\n<td>sehr erregt<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td>1. Sg<\/td>\n<td>2. Sg<\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td>(c)<\/td>\n<td>*<\/td>\n<td>Die Priester<\/td>\n<td>warst<\/td>\n<td>sehr erregt<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td>3. Pl<\/td>\n<td>2. Sg<\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Die F\u00e4lle in (1) sind allesamt korrektes Deutsch und in allen F\u00e4llen stimmen die Kongruenzmerkmale des Subjektes und des finiten Verbs miteinander \u00fcberein.<\/p>\n<p>In (2) dagegen finden sich nur S\u00e4tze, die ganz klar ungrammatisch sind, und in allen F\u00e4llen wird die Kongruenzforderung verletzt: In (2a) hat das Subjekt die Merkmale 3. Sg, w\u00e4hrend das Verb die Merkmale 3. Pl tr\u00e4gt. In (2b) stimmen die Person-Merkmale von Subjekt und Verb nicht \u00fcberein und in (2c) stimmen weder Person noch Numerus \u00fcberein. Damit liegt keine Subjekt-Verb-Kongruenz vor und die S\u00e4tze sind ungrammatisch.<\/p>\n<p>Derlei Kongruenzph\u00e4nomene gibt es einige, und die Kongruenzmerkmale unterscheiden sich von Fall zu Fall. Um das Genus von \"die Leute\" herauszufinden w\u00e4re nun ein Kongruenzph\u00e4nomen hilfreich, bei dem eine NP im Singular in Kongruenz mit einer NP im Plural steht und das Genusmerkmal eines der Kongruenzmerkmale ist. Solche Ph\u00e4nomene gibt es.<\/p>\n<p>Zwei solche F\u00e4lle sind mir bekannt: Der eine betrifft das Quantifikativum \"jed-\" in seiner Verwendung als <em>floating quantifier<\/em>. \"Jed-\" steht immer im Singular, soda\u00df sein Genus prinzipiell erkennbar ist; und wie (3) illustriert, mu\u00df \"jed-\" in aller Regel das Genus-Merkmal der NP teilen, auf die es bezogen ist.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>(3)<\/td>\n<td>(a)<\/td>\n<td><\/td>\n<td>Die Tische<\/td>\n<td>hatten<\/td>\n<td>jeder<\/td>\n<td>einen Kratzer<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td>Pl mask<\/td>\n<td><\/td>\n<td>Sg mask<\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td>(b)<\/td>\n<td><\/td>\n<td>Die T\u00fcren<\/td>\n<td>hatten<\/td>\n<td>jede<\/td>\n<td>einen Kratzer<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td>Pl fem<\/td>\n<td><\/td>\n<td>Sg fem<\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td>(c)<\/td>\n<td>*<\/td>\n<td>Die Tische<\/td>\n<td>hatten<\/td>\n<td>jede<\/td>\n<td>einen Kratzer<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td>Pl mask<\/td>\n<td><\/td>\n<td>Sg fem<\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Man sieht in (3a,b), da\u00df das im Plural gar nicht direkt erkennbare Genus der NPen \"die Tische\" (mask) und \"die T\u00fcren\" (fem) als Merkmal des Quantifikativums \"jed-\" wieder auftaucht. Da\u00df das so sein mu\u00df, sieht man an (3c): Die feminine Form \"jede\" pa\u00dft nicht mit der Bezugsphrase \"die Tische\" zusammen, und der Satz ist somit ungrammatisch.<br \/> Parallel dazu verh\u00e4lt sich die Konstruktion \"ein- nach d- ander-\". Auch hier taucht das 'unsichtbare' Genus einer Bezugsphrase (die wie bei \"jed-\" nur im Plural stehen kann) an einem darauf in gewisser Weise bezogenen Singularausdruck wieder auf.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>(4)<\/td>\n<td>(a)<\/td>\n<td><\/td>\n<td>Die Tische<\/td>\n<td>fielen<\/td>\n<td>einer<\/td>\n<td>nach<\/td>\n<td>dem<\/td>\n<td>anderen<\/td>\n<td>zusammen<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td>Pl mask<\/td>\n<td><\/td>\n<td>Sg mask<\/td>\n<td><\/td>\n<td>Sg mask<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td>(b)<\/td>\n<td><\/td>\n<td>Die Ger\u00fcste<\/td>\n<td>fielen<\/td>\n<td>eines<\/td>\n<td>nach<\/td>\n<td>dem<\/td>\n<td>anderen<\/td>\n<td>zusammen<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td>Pl neut<\/td>\n<td><\/td>\n<td>Sg neut<\/td>\n<td><\/td>\n<td>Sg neut<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td>(c)<\/td>\n<td>*<\/td>\n<td>Die Ger\u00fcste<\/td>\n<td>fielen<\/td>\n<td>eine<\/td>\n<td>nach<\/td>\n<td>der<\/td>\n<td>anderen<\/td>\n<td>zusammen<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td>Pl neut<\/td>\n<td><\/td>\n<td>Sg fem<\/td>\n<td><\/td>\n<td>Sg fem<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Parallel zu \"jed-\" m\u00fcssen hier die Elemente \"ein-\" und \"d-\" das Genus der Bezugs-NP wieder aufnehmen.<\/p>\n<p>Es ist offenbar so, da\u00df in gewissen F\u00e4llen neben der \u00dcbereinstimmung im Genus ersatzweise auch \u00dcbereinstimmung im nat\u00fcrlichen Geschlecht m\u00f6glich ist, wie in (5).<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>(5)<\/td>\n<td>Die M\u00e4dchen<\/td>\n<td>beschuldigten<\/td>\n<td>eine\/eines<\/td>\n<td>nach<\/td>\n<td>der\/dem<\/td>\n<td>anderen den Priester<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td>genus: neut; sexus: fem<\/td>\n<td><\/td>\n<td>fem\/neut<\/td>\n<td><\/td>\n<td>fem\/neut<\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>In F\u00e4llen in denen kein vom Genus abweichendes nat\u00fcrliches Geschlecht vorliegt, ist aber die Forderung der Genuskongruenz absolut strikt, wie (3) und (4) illustrieren.<\/p>\n<p>Nun kann man diese Erkenntnisse verwenden, um auf dem Umweg \u00fcber die beschriebenen Genuskongruenzen das Genus von \"Leute\" herauszufinden, indem man \"ein- nach d- ander-\" und \"jed-\" in einem Satz auf \"Leute\" bezogen verwendet.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>(6)<\/td>\n<td>(a)<\/td>\n<td><\/td>\n<td>Die Leute wollten jeder ein Eis<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td>(b)<\/td>\n<td>??<\/td>\n<td>Die Leute wollten jede ein Eis<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td>(c)<\/td>\n<td>??<\/td>\n<td>Die Leute wollten jedes ein Eis<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>(7)<\/td>\n<td>(a)<\/td>\n<td><\/td>\n<td>Die Leute<\/td>\n<td>velie\u00dfen<\/td>\n<td>einer<\/td>\n<td>nach<\/td>\n<td>dem<\/td>\n<td>anderen den Raum<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td>(b)<\/td>\n<td>??<\/td>\n<td>Die Leute<\/td>\n<td>velie\u00dfen<\/td>\n<td>eine<\/td>\n<td>nach<\/td>\n<td>der<\/td>\n<td>anderen den Raum<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td>(c)<\/td>\n<td>??<\/td>\n<td>Die Leute<\/td>\n<td>velie\u00dfen<\/td>\n<td>eines<\/td>\n<td>nach<\/td>\n<td>dem<\/td>\n<td>anderen den Raum<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>W\u00e4hrend die S\u00e4tze mit maskulinen Formen v\u00f6llig OK sind, erweisen sich die S\u00e4tze mit femininen und neutralen Formen als zumindest merkw\u00fcrdig. Aus diesem Grund ist es naheliegend, anzunehmen, da\u00df das Genus von \"Leute\" das Maskulinum ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hier hatte ich gefragt, wie das Genus (femininum, maskulinum oder neutrum) von \"Leute\" zu bestimmen sei. Diese Frage macht knifflig, da\u00df im Deutschen die Paradigmen aller Genera im Plural zusammen fallen. Das gilt f\u00fcr Substantive, Adjektive und definite Artikel gleicherma\u00dfen. Somit ist nicht offensichtlich, wie man das Genus einer Nominalphrase (NP) im Plural bestimmen k\u00f6nnte,&#8230; <a href=\"https:\/\/mentalschnupfen.org\/?p=509\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Aufl\u00f6sung des Preisr\u00e4tsels im letzten Eintrag<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[30],"tags":[31,28,32,27],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/mentalschnupfen.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/509"}],"collection":[{"href":"https:\/\/mentalschnupfen.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/mentalschnupfen.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mentalschnupfen.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mentalschnupfen.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=509"}],"version-history":[{"count":60,"href":"https:\/\/mentalschnupfen.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/509\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":576,"href":"https:\/\/mentalschnupfen.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/509\/revisions\/576"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/mentalschnupfen.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=509"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/mentalschnupfen.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=509"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/mentalschnupfen.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=509"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}