{"id":180,"date":"2006-06-18T02:00:20","date_gmt":"2006-06-18T02:00:20","guid":{"rendered":""},"modified":"2010-03-13T14:24:32","modified_gmt":"2010-03-13T13:24:32","slug":"meinungsmenstruation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mentalschnupfen.org\/?p=180","title":{"rendered":"Meinungsmenstruation"},"content":{"rendered":"<p>Meine alte Universit\u00e4tsseite <a href=\"http:\/\/homepages.uni-tuebingen.de\/student\/david.lahm\/mainpage.html\"><i>Pretentious Student<\/i><\/a> gibt es noch immer. Das wird sich auch so schnell nicht \u00e4ndern, schon allein deshalb nicht, weil mich diese Seite immer wieder an die sch\u00f6ne, seit \u00fcber einem Jahr vergangene Zeit erinnert, in der ich noch wenig bis gar nichts von der Blogosph\u00e4re wu\u00dfte, also noch als vollwertiger Mensch angesehen werden durfte. Dennoch war die Zeit, in der ich <i>PS<\/i> betrieb, eine seltsame Phase meines Lebens. Das kann ich belegen, mit Textzeugnissen. Hier ist mein <a href=\"http:\/\/homepages.uni-tuebingen.de\/student\/david.lahm\/tagebuch.html\"><i>Tagebuch<\/i><\/a>, das ich auf <i>PS<\/i> f\u00fcr kurze Zeit f\u00fchrte. Da wurde \u00fcbrigens auch das Wort eingef\u00fchrt, das sp\u00e4ter zum Namen dieses uns allen so heiligen Journals werden sollte. Mit der 'L\u00f6sung' war es also nicht so weit her.<\/p>\n<p>15:51, Mittwoch, 09.03.2005:  Ah! Ich sehe schon. Meine Gliedm\u00e4\u00dfigkeit hat sich selbst verwirklicht und geht nun eigener Wege, ohne die Meinungsmenstruation meines geliebten Urteilsverm\u00f6gens abzuwarten. Das war auch nur eine Frage der Zeit. Denn in der Zeit sind alle Dinge Eines und Eines ist Alles, demvernehmlich also Gott, oder der Tod. Beachtenswert: Auch anorganische Stoffe schimmeln.<br \/>\nWer hier jetzt eine triefschwitzende Kastrations\u00e4ngstlichkeit herauszuinterpretieren gedenkt, der liegt nat\u00fcrlich grunds\u00e4tzlich falsch. Es ist vielmehr das waghalsig wundersame Wanderverm\u00f6gen eines totgesagten und unlebendig geglaubten Gedankengeistes, der hier seine immerw\u00e4hrenden Kreise zieht inmitten einer allesumschlodernden Nichtsartigkeit. Das h\u00f6rt man in gewissen Avantgarde-Kreisen gerne. Bl\u00f6dsinn ist es dennoch auch, wie alles, und jede Bewegung ist theoretisch nur eine Ver\u00e4nderung der Lage von Massepunkten, die vielbeschworene geistige Beweglichkeit also theoretisch auch nur die M\u00f6glichkeit der Ver\u00e4nderung der Lage punktf\u00f6rmiger Geistesmassen im ach so fiberglasm\u00e4\u00dfig rigiden stabil labilen Faseruniversum.<br \/>\nUnd der Mensch? Wo bleibt in alledem denn diese Menschlichkeit, von welcher menschliche Menschen so menschlich reden? Fast beunliebt es mir, das zu sagen, aber: Der Teufel hat sie gefressen. Der Teufel ist n\u00e4mlich, trotz aller anderslautenden Behauptungen der Geistesmaterialisten und Naturkatastrophen, eine materialfundamentale Wirklichkeit im Dasein des K\u00f6rpers gegen den Geistesk\u00f6rper, oder auch im Verlangen nach Verlangen ohne Verlangen.<\/p>\n<p>17:26, Donnerstag, 10.03.2005: Ob das alles so stimmt, ist nat\u00fcrlich auch wieder v\u00f6llig unwichtig, und eine Rotationsbedinglichkeit macht dem Kuchen auch nicht die Hefe madig. Schlie\u00dflich handelt es sich auch in allem und immerwieder nur um theoretisierend idealisierte Vorstellungskonstrukte des Punktgeistes, der sich mit dem Punktk\u00f6rper zu messen zu versuchen anbeginnt und kl\u00e4glich scheitert aufgrund verschiedenartig imaginierter und ausgef\u00fchrter Realit\u00e4tskonzeptionswirklichkeiten.<br \/>\nJedenfalls ist jetzt wieder ein eindr\u00fcckelicher Stillstand erreicht, in dessen mittlerer H\u00e4lfte sich entgegen manch einer faszinierten Erwartungshaltung kein Paralleluniversum aufzutun beliebt, sondern stattdessen nur eine w\u00fctende M\u00fcdigkeit, die am Sternum kratzt wie ein j\u00fcnglicher Hund. Da\u00df dabei keine Schmerzen entstehen, bedarf einer Kl\u00e4rung: Hunde haben stumpfe Krallen.<\/p>\n<p>03:05, Freitag, 11.03.2005: Jetzt. Da ist es schon wieder. In einem immer enger werdenden Umkreisungsumkreis f\u00fcgen sich die Dinge zusammen und zerfallen auseinander wie eine Riesenwurst im Wurstaufschneideapparat. Und die Ewiggleichheit des Ewiggleichen bewei\u00dft sich selbst eine liebenswerte Konstante im Doppeluniversum, das uns umdingt.<br \/>\nMit immer umschlingeriger werdenden Wabbelarmen greift der Teufel sich die Massigkeiten im planetarischen Denkungsgeb\u00e4ude und pre\u00dft sie zusammen wie ein fabelhaftes Ged\u00e4chtnisverbot, dann f\u00fchrt er eine Zerhackung durch und gibt das Aufschneidegew\u00fcrst dem j\u00fcnglichen Hunde.<br \/>\nW\u00e4hrenddessen haben sich die ungebetenen Gastfreundlichkeiten in eine unliebsamkeitsdurchtr\u00e4nkte Ecke des Hinterhaushofes zur\u00fcckgezogen, wo sie die Gegenst\u00e4nde der allgemeinen wie der speziellen Weltherrschaftstheorie durchsprechen mit dem ungebrochenen Eifer eines immerwachstumsbeflei\u00dfigten Stubenkarzinoms. Die Kerze brennt weiter hinunter und n\u00e4hert sich dabei mit ihrer flammenden Wirklichkeit selbstverherrlicht dem Untersetzungsobjekt, das ihr unterliegt.<br \/>\nJetzt ist nat\u00fcrlich alles still, denn soeben sind alle gestorben, aber nur kurzfristig, bald ist Wiederauferstehungstag. Die Existenz hat sich wieder in eine Punktf\u00f6rmigkeit begeben, und Bewegung hei\u00dft noch immer: Ver\u00e4nderung im Kleinen, im Gro\u00dfen oder im Unver\u00e4nderlichen, das Bl\u00f6dsinn ist.<\/p>\n<p>02:30, Samstag, 12.03.2005: \"Was geschieht eigentlich da drau\u00dfen?\" Fragt sich das Dasein, w\u00e4hrend sich Geschehenes mit Ungeschehenem zu einer halbdokumentarischen Fiktionalwahrhaftigkeit verspinnt. Die Wahrheit erscheint nun als ein immerfliehender Schatten, der niemals das Universalgef\u00e4ngnis verl\u00e4\u00dft. Gespenst? Nein. Der Teufel? Nein. Wahrheit. Wei\u00df ohnehin keiner, was das ist.<br \/>\nDar\u00fcber nachzudenken bereitet dem Geiste eine denkbar gro\u00dfangelegte Ungem\u00fctlichkeit, weshalb er sich auch gerne mit L\u00fcgen zufriedengibt, solange diese ausreichenden Am\u00fcsanzwertigkeitsangklang finden k\u00f6nnen. Und das Dasein h\u00e4lt w\u00e4hrendessen den Teufel auf Distanz, der auch schon ganz ersch\u00f6pft zu wirken sich bequemt wegen all seiner Kampferprobungen.<br \/>\nDer Teufel tr\u00e4gt jetzt eine merkw\u00fcrdige Kappe, dreht sich im Kreis wie eine Elfe im Opiumrausch und singt Weihnachtslieder.<br \/>\nBILD meint: Eine Halluzination.<\/p>\n<p>19:51, Sonntag, 13.03.2005: Hohoho. Heute ist nicht Weihnachten.<br \/>\nBemerkenswert ist das nicht, wenn nicht Weihnachten ist, das kommt oft vor. Dennoch mu\u00df man sowas ja mal sagen d\u00fcrfen, nicht wahr?<\/p>\n<p>19:53, Dienstag, 22.03.2005: Huch! Schon weit \u00fcber eine Woche keine Ausfl\u00fcsse von Geistesschleim mehr. Der Mentalschnupfen scheint sich gel\u00f6st zu haben.<br \/>\nJa, tats\u00e4chlich. Mir f\u00e4llt hierzu nichts Dummes mehr ein. Es ist alles gesagt. Darum wird dieses Tagebuch in dieser Form hiermit vorerst<\/p>\n<p>GESCHLOSSEN<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine alte Universit\u00e4tsseite Pretentious Student gibt es noch immer. 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