{"id":1043,"date":"2011-04-23T16:02:24","date_gmt":"2011-04-23T15:02:24","guid":{"rendered":"http:\/\/mentalschnupfen.org\/?p=1043"},"modified":"2011-04-24T00:51:45","modified_gmt":"2011-04-23T23:51:45","slug":"wider-geheuchelte-sakularitat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mentalschnupfen.org\/?p=1043","title":{"rendered":"Wider geheuchelte S\u00e4kularit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Der Vorwurf der Heuchelei, gerichtet an diejenigen, die am Karfreitag zwar tanzen, den Status des Tags als gesetzlicher Feiertag aber belassen wollen, ist dann interessant, wenn er auf die Frage bezogen ist, ob es dem Staat zuzugestehen sei, gesetzliche Feiertage \u00fcberhaupt festzusetzen. Verbunden sind damit immerhin weitgehende Arbeitsverbote, die man vielleicht mit gutem Grund als letztlich schwerwiegender ansehen k\u00f6nnte, als es das Tanzverbot ist.<\/p>\n<p>Eine andere Form dieses Vorwurfs basiert jedoch auf dem Argument, da\u00df Karfreitag ein christlicher Feiertag sei, an dem sich ungehemmtes Abdancen aufgrund der religi\u00f6sen Bedeutung des Tags nicht schicke, und da\u00df es somit Heuchelei sei, diesen Feiertag zwar zu wollen, das jedoch in der Absicht, ihn zum Tanzen zu nutzen. Es ist recht interessant, welche Annahmen man ben\u00f6tigt, um den Vorwurf in dieser Form zu rechtfertigen. Das will ich im Folgenden kurz untersuchen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst w\u00e4re zu kl\u00e4ren, was unter <em>Heuchelei<\/em> zu verstehen ist. Die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heuchelei\">Wikipedia<\/a> liefert folgende Kurzdefinition:<\/p>\n<blockquote><p>Heuchelei (Hypokrisie) bezeichnet ein moralisch negativ besetztes Verhalten, bei dem eine Person nach au\u00dfen hin ein Bild von sich vermittelt, das nicht ihrem realen Selbst entspricht.<\/p><\/blockquote>\n<p>Oft wird <em>heucheln<\/em> transitiv verwendet. Man heuchelt dann <em>etwas<\/em>, etwa Mitleid, Religiosit\u00e4t, Keuschheit oder Appetit. Das Geheuchelte entspricht dabei dem in der Definition erw\u00e4hnten Bild, das die Person nach au\u00dfen hin von sich vermittelt, w\u00e4hrend sie innerlich oder unter Ausschlu\u00df der \u00d6ffentlichkeit dem Bild nicht entspricht, weil sie etwa schadenfroh ist, Gott l\u00e4stert, herumhurt oder das vorgesetzte Essen verabscheut. Was ist es nun, das von denen geheuchelt werden k\u00f6nnte, die am Karfreitag tanzen wollen, gleichzeitig aber den gesetzlichen Feiertag beibehalten m\u00f6chten? Zwei M\u00f6glichkeiten sind unmittelbar offen:<\/p>\n<p>(1) Sie heucheln, da\u00df sie Karfreitag als gesetzlichen Feiertag beibehalten m\u00f6chten.<br \/>\n(2) Sie heucheln, da\u00df sie das Tanzverbot am Karfreitag aufgehoben sehen und tanzen m\u00f6chten.<\/p>\n<p>Weder (1) noch (2) ergibt dabei den geringsten Sinn. Ein Anla\u00df, ohne weitere Anhaltspunkte zu unterstellen, da\u00df die in Frage stehenden Personen das, was sie unmittelbar fordern, gar nicht durchweg meinen, best\u00fcnde nur dann, wenn ein deutlicher Widerspruch zwischen ihren Forderungen festzustellen w\u00e4re, hier also zwischen (1) und (2). Einen Feiertag ohne Tanzverbot zu fordern ist aber offensichtlich nicht in sich widerspr\u00fcchlich, was u.a. durch zahlreiche Feiertage ohne ein solches nahegelegt wird.<\/p>\n<p>Man mu\u00df also etwas tiefer gehen, um die Begr\u00fcndung des Heucheleivorwurfs aufzusp\u00fcren. Da Feiertage ohne Tanzverbot existieren, mu\u00df die Begr\u00fcndung auf jeden Fall mit besonderen Eigenschaften des Karfreitags zusammenh\u00e4ngen. Es liegt nahe, zu vermuten, da\u00df hinter diesem Tanzverbot urspr\u00fcnglich ein Piet\u00e4tsgedanke steht, demzufolge allzu ausgelassenes Feiern am Todestag Jesu Christi als unpassend anzusehen ist. Wenn wir annehmen, da\u00df dieser Gedanke f\u00fcr jeden gl\u00e4ubigen Christen verbindlich zu sein mu\u00df (was ich nicht so sehe, da ich dergleichen Entscheidungen dem Gewissen des einzelnen Gl\u00e4ubigen \u00fcberlassen w\u00fcrde) so k\u00f6nnen wir zumindest feststellen, da\u00df eine Forderung nach der Aufhebung des Tanzverbots, zumindest im Verein mit dem Wunsch, auch selbst zu tanzen, zu dem Schlu\u00df f\u00fchrt, da\u00df christliche Gl\u00e4ubigkeit bestenfalls geheuchelt sein kann. Bestenfalls - denn wer gar nicht versucht, das Bild eines gl\u00e4ubigen Christen nach au\u00dfen hin zu vermitteln, dem wird man kaum vorwerfen k\u00f6nnen, Gl\u00e4ubigkeit zu heucheln.<\/p>\n<p>Wie es scheint, sind wir also der Begr\u00fcndung des Heucheleivorwurfs noch kein St\u00fcck n\u00e4her gekommen. Dieser k\u00f6nnte bestenfalls dann aufrecht erhalten werden, wenn die Begr\u00fcndung derer, die den Feiertag erhalten wollen, dessen religi\u00f6se Bedeutung ins Feld f\u00fchrte. Auch wo das der Fall ist, kann man \u00fcber die Berechtigung des Vorwurfs noch streiten; wo es nicht der Fall ist, so scheint es, nicht einmal das. Somit entsteht der Eindruck, da\u00df der Vorwurf der Heuchelei nur dann gehalten werden kann, wenn man es als prinzipiell unm\u00f6glich ansieht, f\u00fcr die Beibehaltung des Feiertags aus anderen als religi\u00f6sen Gr\u00fcnden zu sein. Man h\u00e4tte also entweder aus religi\u00f6ser \u00dcberzeugung f\u00fcr den Feiertag Karfreitag zu sein oder gar nicht. Das wiederum steht aber offenbar im Widerspruch zum Status des Karfreitags als <em>gesetzlicher Feiertag<\/em>; diesen Status hat der Tag n\u00e4mlich nicht aufgrund seiner religi\u00f6sen Bedeutung, sondern aufgrund eines Gesetzes. Das steht nicht im Widerspruch dazu, da\u00df der urspr\u00fcngliche Grund des Gesetzes die religi\u00f6se Bedeutung des Tages war. Selbstverst\u00e4ndlich war sie es. Aber weder ist die religi\u00f6se Bedeutung eine notwendige Bedingung f\u00fcr den Status des gesetzlichen Feiertags (wie es z.B. der Tag der Arbeit und der Tag der deutschen Einheit bezeugen), noch ist sie eine hinreichende Bedingung, was der Umstand belegt, da\u00df nicht jeder kirchliche Feiertag in jedem Bundesland ein gesetzlicher Feiertag ist. Dergleichen Abh\u00e4ngigkeiten w\u00e4ren auch im deutschen Recht, das ja doch einige mutige und anerkennenswerte Schritte in Richtung S\u00e4kularisierung gewagt hat, ganz unerh\u00f6rt. Die religi\u00f6se Bedeutung eines Tages kann also nicht dessen Status als gesetzlicher Feiertag konstituieren, was eben nur ein Gesetz kann. Und ein Gesetz kann diesen Status auch ganz unabh\u00e4ngig von der religi\u00f6sen Bedeutung eines Tages konstituieren.<\/p>\n<p>Die Frage nach dem Status des Karfreitags als Feiertag ist also keine Frage der religi\u00f6sen Bedeutung, wenngleich diese nat\u00fcrlich f\u00fcr jede einzelne Person als Begr\u00fcndung der eigenen Position zul\u00e4ssig ist, sondern eine Frage des kodifizierten Rechts, und es ist im deutschen Recht nicht vorgesehen, da\u00df die Berechtigung zu bestimmten Aufassungen dar\u00fcber, wie die deutschen Gesetze aussehen sollten, den Ausweis irgendeiner religi\u00f6sen Haltung voraussetzt. Damit ist aber der Schlu\u00df von der Forderung nach Beibehaltung des Feiertags auf eine religi\u00f6se Begr\u00fcndung derselben ausgeschlossen, und somit im Allgemeinen auch der Vorwurf der Heuchelei. Anders ausgedr\u00fcckt: Es steht jedem deutschen B\u00fcrger frei, f\u00fcr die Beibehaltung eines gesetzlichen Feiertags aus religi\u00f6sen Gr\u00fcnden, aus Gr\u00fcnden der Tradition, aus R\u00fccksichtnahme auf diejenigen, f\u00fcr die der Tag religi\u00f6se Bedeutung hat oder einfach aus Freude am freien Tag zu sein, da dies ausschlie\u00dflich eine Frage der deutschen Gesetze ist und keine Frage der Religion. Der Heucheleivorwurf unterstellt ohne Anla\u00df, da\u00df die religi\u00f6se Begr\u00fcndung f\u00fcr den Status als Feiertag die einzig zul\u00e4ssige sei, da\u00df mithin all die, denen die religi\u00f6se Bedeutung des Tages gleichg\u00fcltig ist, kein Mitspracherecht besitzen, was den Feiertagstatus angeht. Weder eine Meinung zur deutschen Gesetzgebung noch ein Mitspracherecht hinsichtlich ihrer Ausgestaltung setzt aber bestimmte religi\u00f6se Auffassungen voraus, weshalb diese nur dort unterstellt werden sollten, wo sie explizit ge\u00e4u\u00dfert werden. Selbst in diesen F\u00e4llen ist fraglich, ob der Vorwurf der Heuchelei an die Adresse jener, die am Karfreitag gern eine Menuett zelebrieren m\u00f6chten, gerechtfertigt w\u00e4re. An die Adresse jener gerichtet, die gar keine religi\u00f6se Begr\u00fcndung ihrer Position anf\u00fchren, ist er schlicht eine Unversch\u00e4mtheit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Vorwurf der Heuchelei, gerichtet an diejenigen, die am Karfreitag zwar tanzen, den Status des Tags als gesetzlicher Feiertag aber belassen wollen, ist dann interessant, wenn er auf die Frage bezogen ist, ob es dem Staat zuzugestehen sei, gesetzliche Feiertage \u00fcberhaupt festzusetzen. 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