Ich merke, daß ich in letzter Zeit zunehmend sensibel auf Versuche irgendwelcher Dahergelaufener reagiere, mir irgendwelche Vorschriften zu machen oder über mich zu verfügen. Mich z.B. in den Urlaub zu schicken.
Genau das wurde mir nämlich kürzlich, vormittags, telephonisch von der Beauftragten für Abonnentenrückgewinnung einer großen deutschen Wochenzeitung angedroht: "Wir haben uns da was überlegt, und zwar: Wir schicken sie in den Urlaub!" Klar, wer die große deutsche Wochenzeitung nicht mehr liest, der muß reif für die Insel sein. Also bietet man ihm an, ihn für sieben Tage 'in den Urlaub zu schicken', wofür er dann als Gegenzug lediglich sein Abonnement wieder aufzunehmen braucht. Man hatte ob dieses genialen Einfalls wahrscheinlich Jubelsprünge erwartet, stieß jedoch nur auf Ablehnung (für sowas wecken die mich?) und rief seitdem nicht mehr an.
Heute im Radio wurde ich wenigstens nicht direkt angesprochen, darum war es erträglicher. Dort verzichtete man auch auf das 'schicken' und kam, falls ich mich richtig erinnere, mit einem simplen Imperativ aus: "Machen sie Urlaub!" Eigentlich nicht weiter schlimm, aber ich war von den Urlaubschickern wohl noch vorbelastet, und so gefiel mir auch das ganz und gar nicht.

Das alles ist aber ohnehin auszuhalten, verglichen mit Lackaffen, die mir sagen wollen was ich darf und was nicht. Bei solchen Dingen wie "Du darfst nicht morden" oder "Du darfst deinem Nachbarn nicht vor die Tür kacken" lasse ich es noch über mich ergehen, denn das sind Dinge, die ich ohnehin nicht tun will, sodaß mir diesbezügliche Vorschriften herzlich gleichgültig sein können. Nun steckt aber die Kanzlerin den Rahmen deutlich enger als gewohnt und erträglich: "Das sind [...] Dinge, über die darf man nicht diskutieren, die muß man einfach machen" sagt sie über Videoüberwachung öffentlicher Plätze (via Indiskretion Ehrensache). Diskussionsabstinenz als Kardinaltungend im demokratischen Gemeinwesen - aber nur wenn's wichtig ist, versteht sich! Da darf man nicht lang palavern. Gehört sich nicht. Ieh-bah.
Aber damit ist das Potential der Kanzlerin natürlich noch lange nicht ausgereizt. Was wäre man auch für eine Konservative, wenn man es bei einem "darf" in weniger als 30 Sekunden Redezeit beließe? Also wird nachgelegt: "Man darf nicht sagen: Ach, das ist doch nicht so schlimm". Ein sehr moralisches "darf", und im passenden Kontext fast zustimmungsfähig:

Man darf nicht sagen: Ach, das ist doch nicht so schlimm; angesichts von Kindesmißbrauch.
Man darf nicht sagen: Ach, das ist doch nicht so schlimm; angesichts tödlicher Verkehrsunfälle.
Man darf nicht sagen: Ach, das ist doch nicht so schlimm; angesichts hundertausender Toter in Darfur.

Aber die Kanzlerin wäre nicht die Kanzlerin, wüßte sie nicht mit etwas ganz originellem zu überraschen: Angesichts von Ein-bißchen-was-Wegschmeißen, angesichts von Einen-Anrempeln, angesichts Auf-den-Bürgersteig-Fahrens und In-der-dritten-Reihe-Parkens darf man sowas nicht sagen. Das ist nämlich einfach schlimm, findet die Kanzlerin. Schlimm und eine Gefährdung der inneren Sicherheit. Wer In-dritter-Reihe-Parken nicht schlimm findet, der ist nämlich gar nicht in der Lage, überhaupt noch was schlimm zu finden. Gesetz ist Gesetz. Alle Verstöße dagegen sind gleich schlimm. Und bei innerer Sicherheit gilt: Null Toleranz.

Und nun, Frau Kanzlerin, direkt an Sie: Ich will dürfen! Das issn Ding, wa? Ja, ich will dürfen! Ich will diskutieren dürfen ob Videoüberwachung eine sinnvolle Maßnahme sein kann, und ich will außerdem, daß das auch die sogenannten Volksvertreter tun dürfen. Vielleicht sollten die das sogar, wurden ja dafür gewählt. Denn zum "einfach machen" ist die Demokratie nicht die richtige Staatsform. Aber die haben wir nunmal. Doof, ich weiß, aber noch ist das nicht umfassend geändert.
Außerdem will ich Mal-auf-den-Bürgersteig-Fahren für nicht per se unglaublich schlimm halten dürfen. Ich will auch sagen dürfen, daß ich es nicht für unglaublich schlimm halte, und das tu ich hiermit auch: Ich halte Mal-auf-den-Bürgersteig-Fahren für nicht so schlimm! Dreist, aber OK, noch.
Und zu guter Letzt maße ich mir auch an, schlimm finden zu dürfen, obwohl ich nicht immer und alles schlimm finde. Frau Kanzlerin, das geht! Versuchen sie's doch auch mal, sie werden überrascht sein, wie bunt und vielfältig die Welt plötzlich sein kann. Hier was nicht Schlimmes, da was Schlimmeres, dort was ganz doll Schlimmes. Gibt es alles.

Damit liebe Frau Kanzlerin, verabschiede ich mich. Dem Souverän lege ich jedoch zuvor noch nahe, Sie in den offenbar dringend benötigten Urlaub zu schicken.

Nachtrag, 27.5., 16.22 Uhr: Man beachte, daß im verlinkten Video während des Klatschens möglicherweise ein Schnitt stattgefunden hat; Der Bezug zwischen Videoüberwachung und schändlichem Falschparken könnte dadurch konstruiert worden sein, und im Original nicht vorgelegen haben. Es könnte außerdem sehr gut sein, daß die beiden "darf" in mehr als 30 Sekunden Redezeit untergebracht waren.