{"id":715,"date":"2010-10-01T01:45:11","date_gmt":"2010-10-01T00:45:11","guid":{"rendered":"http:\/\/mentalschnupfen.org\/?p=715"},"modified":"2010-10-01T00:50:54","modified_gmt":"2010-09-30T23:50:54","slug":"der-abstieg-in-die-mobiushohle","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mentalschnupfen.org\/?p=715","title":{"rendered":"Der Abstieg in die M\u00f6biush\u00f6hle"},"content":{"rendered":"<p>Die im Jahr 1858 von Johann M\u00f6bius entdeckte und nach ihm benannte <em>M\u00f6biush\u00f6hle<\/em> galt ihrer Enge, Verworrenheit und von keinem Licht zu beseitigenden Dunkelheit wegen f\u00fcr lange Zeit als v\u00f6llig unerforschlich. Es wird mir darum ohne Zweifel zu einem gewissen Ruhm gereichen, wie ich in aller Bescheidenheit anmerken darf, da\u00df ich als erster den Mut fa\u00dfte, mich allein und nur mit einem Garnkn\u00e4uel als Ausr\u00fcstung in ihre bodensuchende Tiefe vorzuwagen. Die Expedition verlief g\u00e4nzlich anders, als ich erwartet hatte, da ich unten ganz anderes fand, als ich vorher angenommen hatte.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Nachdem ich mich - ich wei\u00df nicht wie lange, es m\u00f6gen zwei Jahre gewesen sein - ins Dunkel hinabgearbeitet hatte, wurde es mit einem Mal wieder heller. Je n\u00e4her ich dem Licht kam, desto weniger konnte ich mir erkl\u00e4ren, woher es wohl stammen mochte; ein gelb-gr\u00fcnlicher Schimmer, der alle G\u00e4nge gleichm\u00e4\u00dfig erf\u00fcllte, ohne da\u00df sein Ursprung irgendwo auszumachen gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Etwas tiefer stieg ich noch hinab, der Lichtschein nahm zu, der Geruch von Leben begann, mir in die Nase zu steigen und bald traf ich auf den ersten Troglodyten, der mich etwas vedutzt ansah (wie ich auch ihn, so sagte er mir sp\u00e4ter, oder im Gegenteil), mir aber sogleich etwas zu essen und zu trinken anbot, was ich dankend annahm, und mich zu seinem Stamm f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Dort verbrachte ich etwa 10 Jahre, in denen mich die Troglodyten ihre Sprache und ihre Gebr\u00e4uche lehrten. Und auf ihre Sprache m\u00f6chte ich jetzt zu sprechen kommen, denn diese scheint mir ganz und gar au\u00dfergew\u00f6hnlich zu sein.<\/p>\n<p>Die Troglodyten der M\u00f6biush\u00f6hle ern\u00e4hren sich ausschlie\u00dflich von Felsw\u00fcrmern; steinfressenden, bis zu einem Meter langen und f\u00fcnf Centimeter dicken wei\u00dfen Ringelw\u00fcrmern. Sie verf\u00fcgen aber \u00fcber kein Wort, mit dem sie den Felswurm bezeichnen k\u00f6nnten. Stattdessen haben sie ein Wort, <em>erpdetere<\/em>, mit dem sie, indem sie es ausrufen, ausdr\u00fccken k\u00f6nnen, da\u00df gerade kein Felswurm in Sicht ist. (Um sich etwas pr\u00e4ziser auszudr\u00fccken k\u00f6nnte man vielleicht sagen, da\u00df das Wort \"erpdetere\" zur Bezeichnung all dessen verwendet werden kann, das kein Felswurm ist.) Bei der Jagd auf diese W\u00fcrmer behindert das die Troglodyten aber keineswegs, denn sie sind - in einem gewissen Sinne - gewohnheitsm\u00e4\u00dfige L\u00fcgner. Ruft es also aus einem Seitengang \"erpdetere!\", so ist dem ganzen Jagdtrupp augenblicklich klar, da\u00df das Ausgerufene als falsch zu verstehen, ein Ringelwurm in Sicht und Eile geboten ist, denn so schnell, wie die W\u00fcrmer auftauchen, verschwinden sie meist wieder; in manchen F\u00e4llen fressen sie sich auch pl\u00f6tzlich selbst auf, soda\u00df nicht die geringste Spur von ihnen \u00fcbrig bleibt, au\u00dfer dem schleimigen Loch, durch das sie sich in den Gang hineingefressen haben.<\/p>\n<p>Neben den Felsw\u00fcrmern existieren in der Tiefe der H\u00f6hle auch die Dunkelw\u00fcrmer, die sich durch die Dunkelheit hindurch fressen und G\u00e4nge aus Licht zur\u00fccklassen. Dieses Licht durchdringt nach und nach die es umgebende Dunkelheit, und so entsteht der allgegenw\u00e4rtige D\u00e4mmerschein, der mir anfangs so unerkl\u00e4rlich war. Die Dunkelw\u00fcrmer sind gef\u00e4hrlich; ber\u00fchrt man sie, so erstarrt man augenblicklich und unumkehrbar zu Stein. Die so entstandenen Frischen Felsen scheinen den Felsw\u00fcrmern besonders zu schmecken, weshalb sie meist nach ein bis zwei Tagen vollst\u00e4ndig verschwunden sind. Das Wort \"furilec\" bezeichnet in der Sprache der Troglodyten alles das, was kein Dunkelwurm ist. Sobald man es ausgerufen h\u00f6rt wei\u00df man, da\u00df es geboten ist, sich in Sicherheit zu bringen. Ert\u00f6nt auf der Jagd der Ruf \"furilec du erpdetere!\", wobei das darin vorkommende \"du\" so viel bedeutet wie das \"oder\" unserer Sprache, so wird man in der Regel Rei\u00dfaus nehmen. Nur wenn die Felswurmjagd \u00fcber lange Zeit hinweg erfolglos war, wird man sich dennoch vorwagen, und versuchen, den Felswurm unbeschadet zu erlegen.<\/p>\n<p>Die wei\u00dflich-graue Siffraupe sieht dem Felswurm aus der Ferne \u00e4hnlich, verf\u00fcgt aber anders als dieser \u00fcber 587 Stummelf\u00fc\u00dfe und ist v\u00f6llig ungenie\u00dfbar, da sie bei der geringsten Verletzung ihrer leicht borstigen Haut zu Sand zerf\u00e4llt. Sie liebt es, durch die von den Felsw\u00fcrmern frisch gefressenen G\u00e4nge zu gleiten, wo sie sich von der Schleimspur der W\u00fcrmer ern\u00e4hrt, bis sie sich irgendwann, fett und satt, verpuppt. Niemand wei\u00df, was danach mit ihr geschieht. Manche bekannte Puppe soll bereits \u00fcber 10000 Jahre alt sein, und niemand hat jemals eine Entpuppung beobachtet. Aufgrund ihrer \u00c4hnlichkeit mit ihm wird die Siffraupe \u00f6fters mit dem Felswurm verwechselt, weshalb man sich oft nicht ganz sicher ist, was man vor sich hat. In Momenten der Unsicherheit teilt man diese dem Jagtrupp meist durch etwa den Ausruf \"erpdetere udk nomopilo!\" mit. Die Bedeutungen des Wortes \"udk\" wird sich der Leser hier leicht selbst \u00fcberlegen k\u00f6nnen, wenn er wei\u00df, das mit \"nomopilo\" all das bezeichnet wird, was keine Siffraupe ist. Das gleiche gilt f\u00fcr die Bedeutung des Wortes <em>opo<\/em>, das etwa im Anschlu\u00df an letzgenannten Ausruf in der entt\u00e4uschten Mitteilung \"opo erpdetere!\" auftauchen k\u00f6nnte, nachdem sich das Tier endg\u00fcltig als Siffraupe herausgestellt hat.<\/p>\n<p>Ich verbracht, wie gesagt, gute zehn Jahre bei den Troglodyten, und auch als ich sie schlie\u00dflich nahezu perfekt beherrschte, schien mir ihre Sprache noch immer fremd - und doch zur gleichen Zeit so vertraut, als w\u00e4re es meine eigene, als h\u00e4tte ich nie eine andere gesprochen. Oft glaubte ich, alles sei mir v\u00f6llig klar, ich h\u00e4tte alles verstanden. Dann aber wieder wollten manche W\u00f6rter unversehens ihre Pl\u00e4tze tauschen, die Bedeutungen der W\u00f6rter schienen mir entlaufen oder ich wu\u00dfte nicht mehr, obgleich mir die Sachverhalte ganz klar vorkamen, was wahr war und was falsch. Wie ein Traumbild entglitt mir stets dann, wenn ich beides klar fassen zu k\u00f6nnen glaubte, alles.<\/p>\n<p>Nur ein einziges Wort blieb, fest und best\u00e4ndig, an seinem Ort und bedeutete, was es bedeutete; verneinend und ewig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die im Jahr 1858 von Johann M\u00f6bius entdeckte und nach ihm benannte M\u00f6biush\u00f6hle galt ihrer Enge, Verworrenheit und von keinem Licht zu beseitigenden Dunkelheit wegen f\u00fcr lange Zeit als v\u00f6llig unerforschlich. 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