{"id":219,"date":"2006-10-05T21:18:19","date_gmt":"2006-10-05T21:18:19","guid":{"rendered":""},"modified":"2010-03-13T14:24:32","modified_gmt":"2010-03-13T13:24:32","slug":"resteessen-georg-walberts-brief-an-vera-dimmers","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mentalschnupfen.org\/?p=219","title":{"rendered":"Resteessen: Georg Walberts Brief an Vera Dimmers"},"content":{"rendered":"<p>Auf <a href=\"http:\/\/homepages.uni-tuebingen.de\/student\/david.lahm\/mainpage.html\">meiner alten Uniwebsite<\/a> faulen schon seit langem einige meiner Texte vor sich hin und d\u00fcrften nur selten gefunden werden. Besonders witzig ist dabei <a href=\"http:\/\/homepages.uni-tuebingen.de\/student\/david.lahm\/walbert.html\">dieser<\/a>, den ich nun auch hier dem geneigten Leser pr\u00e4sentieren m\u00f6chte:<\/p>\n<p><b>Georg Walberts Brief an Vera Dimmers<\/b><\/p>\n<p>\nSehr geehrte Frau Dimmers,<\/p>\n<p>vor einigen Tagen st\u00fcrzte ich eine recht lange Treppe hinab und zog mir dabei ungew\u00f6hnlich grauenhafte Verletzungen zu. Jedoch wurde mir durch diesen Sturz einiges klar, das ich nun nicht mehr l\u00e4nger vor ihnen verbergen m\u00f6chte und kann.<\/p>\n<p>Das Ganze hat sich folgenderma\u00dfen zugetragen: Einigerma\u00dfen in Gedanken versunken hatte ich die oberste Stufe der Treppe nur mit der Ferse meines linken Fu\u00dfes getroffen, weshalb dieser abrutschte, und sein Gelenk umknickte, \u00fcberdehnte und brach. Infolgedessen kippte ich nach links um und schlug mit meinem Brustkorb heftig auf dem metallenen Treppengel\u00e4nder auf, wobei drei meiner Rippen nachgaben, und sich einer der dabei entstandenen Splitter in mein Herz bohrte. Merkw\u00fcrdig war dabei, da\u00df der entstandene Schmerz mir sehr vertraut vorkam, als ob ich ihn bereits seit Monaten versp\u00fcrt gehabt h\u00e4tte. Er war nun lediglich, so schien es mir, deutlich konkreter als je zuvor.<br \/>\nMir blieb nicht viel Zeit, diesen Gedanken weiter zu verfolgen, denn vom Treppengel\u00e4nder taumelte ich unverz\u00fcglich wieder fort, kippte vorn \u00fcber und \u00fcberschlug mich, w\u00e4hrend ich die zahlreichen Treppenstufen nach unten fiel, etliche Male. Dabei m\u00fcssen einige R\u00fcckenwirbel leichten Schaden genommen haben, denn diese stie\u00dfen immer wieder sehr hart mit den Kanten der Treppenstufen zusammen, und durch ungeschickte Haltung der Beine entstanden in diesen einige Br\u00fcche.<br \/>\nHier sei, zum besseren Verst\u00e4ndnis, angemerkt, da\u00df am Ende dieser Treppe sich eine kleine Plattform befand, von welcher, lotrecht zur ersten, eine weitere Treppe hinabf\u00fchrte. Das Gleiche wiederholte sich am Ende der zweiten Treppe. Im Geb\u00e4ude waren Bauarbeiten im Gange, und aus diesem Grund lagen am Ende dieser zweiten Treppe, \u00fcber die zweite Plattform verlaufend, zwei Planken, die als Rampen f\u00fcr Schubkarren dienen sollten, mit welchen die Handwerker Werkzeuge und Arbeitsmaterial bef\u00f6rderten. Erst die sich an die zweite Plattform anschlie\u00dfende dritte Treppe f\u00fchrte endlich auf ebenen Boden.<br \/>\nDa die Plattform am Ende der Treppe, auf welcher mein Sturz seinen Anfang genommen hatte, nat\u00fcrlich auch von dem bereits erw\u00e4hnten metallenen Gel\u00e4nder eingefa\u00dft war, welches zwei horziontale Metallschienen aufwies, die eine etwa auf Knie-, die andere etwas \u00fcber H\u00fcfth\u00f6he - beim stehenden Manne - wurde mein Sturz vorl\u00e4ufig gestoppt, als ich mit dem Kopf gegen die untere der beiden Schienen stie\u00df. In eben diesem Moment, als ich das dumpfe Knacken meiner zerbrechenden Stirnplatte durch meinen ganzen Kopf dr\u00f6hnen f\u00fchlte, wurde mir alles klar, so als w\u00e4re das sprichw\u00f6rtliche Brett vor meinem Kopf zerborsten. Ich liebe Sie, Frau Dimmers, und ich werde Sie immer lieben! Bereits seit Monaten bin ich Ihnen verfallen, doch habe ich es lange nicht einsehen wollen. Jetzt aber ist mir alles klar geworden.<br \/>\nMein Sturz war noch nicht beendet. Unf\u00e4hig, mich abzust\u00fctzen, rutschte ich langsam seitlich vom Gel\u00e4nder ab, wodurch ich nun begann, die zweite Treppe hinunterzurollen. Dies f\u00fchrte, wie ich denke, nicht zu vielen neuen Br\u00fcchen, jedoch verst\u00e4rkte es die bereits vorhandenen, und auch der Rippensplitter bohrte sich etwas tiefer in mein Herz.<br \/>\nAm Ende der Treppe rollte ich auf die oben erw\u00e4hnten Planken und auf ihnen weiter bis zum Rande der Plattform, wo ich unter dem Gel\u00e4nder hindurchrollte und sicherlich drei Meter tief gest\u00fcrzt w\u00e4re, h\u00e4tte sich mein linker Fu\u00df nicht in einem Stromkabel verfangen, welches die Arbeiter am Gel\u00e4nder entlang nach oben gef\u00fchrt hatten, und das nahe der Plattform eine Schlinge bildete, welche meinen Fu\u00df nun hielt. Da es mehrmals um das Gel\u00e4nder geschlungen war, zog es sich fest, glitt nicht ab, hielt meinen Fall somit auf und lie\u00df mich kopf\u00fcber in der Luft baumeln. Recht abrupt abgebremst sp\u00fcrte ich, wie ein oder zwei meiner angeschlagenen R\u00fcckenwirbel durch die pl\u00f6tzliche, ruckartige Belastung meines R\u00fcckens endg\u00fcltig zersplitterten und meinte sogar, ich n\u00e4hme wahr, wie die in ihnen enthaltenen Nervenstr\u00e4nge barsten. Das war in diesem Moment gar nicht unwillkommen, denn damit endeten die Schmerzen, die meine Beine mir bereitet hatten.<br \/>\nNun hing ich also zwischen Himmel und Erde wie eine Rinderh\u00e4lfte im Schlachthaus und dachte nach, liebe Frau Dimmers, \u00fcber Sie, und \u00fcber die z\u00e4rtlichen Gef\u00fchle, die ich schon seit vielen, vielen Wochen f\u00fcr Sie empfunden hatte. Meine Welt stand Kopf, und Sie waren der Grund daf\u00fcr. Ohne Sie bin ich nur halb.<br \/>\nIrgendwann sah ich durch meine vom aus meiner Stirn sprudelnden Blute ganz verklebten Augen hinauf zu meinen Beinen. Zuerst glaubte ich, mein Geist spiele mir Streiche, meine visuelle Wahrnehmung sei getr\u00fcbt, ich halluziniere! Doch dann fielen mir die zahlreichen Br\u00fcche meiner beiden Beine wieder ein, und dies beruhigte mich, soweit ich mich um meine Sinneswahrnehmung gesorgt hatte. Denn was ich sah war, da\u00df mein linkes Bein sich mehr und mehr in die L\u00e4nge zog. Das war jedoch nicht verwunderlich, da ja die stabilisierende Wirkung des Knochens weggefallen war, und also mein ganzes K\u00f6rpergewicht von Muskelstr\u00e4ngen gehalten wurde, die sich entsprechend dehnten. Noch etwas fiel mir auf, und dies f\u00fchrte auch in K\u00fcrze dazu, da\u00df mein bisher, von der klaffenden Wunde in meiner Stirn abgesehen, noch erstaunlich unversehrtes Gesicht nicht ganz so unversehrt blieb: Mehr und mehr von dem, was einmal mein Fu\u00dfgelenk gewesen war, kam aus meinem kurzen Stiefel herausgequollen, da auch ihm die festigende Wirkung unversehrter Knochen abhanden gekommen war.<br \/>\nMein Bein wie mein Fu\u00dfgelenk, liebste Frau Dimmers, waren ebenso weich und formbar wie ich, der ich mich stets f\u00fcr unbezwingbar gehalten habe, es nun in Ihren lieblichen H\u00e4nden bin.<br \/>\nDurch die leichte Pendelbewegung, in welcher ich mich befand, wurde das Hervorquellen meines Fu\u00dfes aus dem Stiefel beschleunigt, und als ich mich gerade auf dem H\u00f6chstpunkt einer r\u00fcckw\u00e4rtsgerichteten Bewegung befand, verlor mein Fu\u00df endg\u00fcltig den Halt im Schuh, und ich n\u00e4herte mich mit dem Gesicht zuerst dem Boden. Meine bis dahin noch nahezu unversehrten Arme d\u00e4mpften den Fall, wobei sie selbst an etlichen Stellen brachen, und s\u00e4mtliche Fingergelenke meiner rechten Hand, bis auf das des Daumens, zerbarsten; an der linken Hand blieben Daumen und kleiner Finger heil. Dennoch fiel ich hart genug auf mein Gesicht, wobei meine Nase nicht nur brach, sondern v\u00f6llig eingeebnet wurde, und ich elf Z\u00e4hne verlor.<\/p>\n<p>Nun, hei\u00dfgeliebte Frau Dimmers, liege ich im Krankenhaus, und das wird, f\u00fcrchte ich, auch noch einige Zeit so bleiben. Mein linkes Bein war recht leicht abzunehmen, die merkw\u00fcrdig sauberen Br\u00fcche und die starke Dehnung machten daraus eine Sache von kaum mehr als zwei kleinen Schnitten. Mein rechtes Bein hat da mehr Schwierigkeiten bereitet, da dort die Br\u00fcche stark gesplittert waren, und es lange brauchte, um s\u00e4mtliche dieser Splitter aus der Amputationswunde zu entfernen. Doch was k\u00fcmmert mich der Verlust zweier ohnehin nicht mehr kontrollierbarer Extremit\u00e4ten, verglichen mit dem extremsten m\u00f6glichen Verluste, dem ihrer noch ungewonnen Liebe? Gl\u00fchend verehrte Frau Dimmers, mein K\u00f6rper ist etwas zerschunden, aber meine Seele so heil und hoffnungsvoll wie nie zuvor. Verschm\u00e4hen Sie mich nicht! Ruinieren Sie nicht auch noch meinen Geist, indem sie mich ablehnen! Ich tippe dies unter Schmerzen, nur mit dem kleinen Finger meiner linken Hand und dem Daumen der rechten, beide Arme in Gips, und nie habe ich etwas so ernst gemeint: Liebe Frau Dimmers, bitte werden Sie meine Frau!<\/p>\n<p>\nIn ewiger Liebe<\/p>\n<p>Georg Walbert<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf meiner alten Uniwebsite faulen schon seit langem einige meiner Texte vor sich hin und d\u00fcrften nur selten gefunden werden. Besonders witzig ist dabei dieser, den ich nun auch hier dem geneigten Leser pr\u00e4sentieren m\u00f6chte: Georg Walberts Brief an Vera Dimmers Sehr geehrte Frau Dimmers, vor einigen Tagen st\u00fcrzte ich eine recht lange Treppe hinab&#8230; <a href=\"http:\/\/mentalschnupfen.org\/?p=219\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Resteessen: Georg Walberts Brief an Vera Dimmers<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[14],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/mentalschnupfen.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/219"}],"collection":[{"href":"http:\/\/mentalschnupfen.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/mentalschnupfen.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/mentalschnupfen.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/mentalschnupfen.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=219"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/mentalschnupfen.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/219\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/mentalschnupfen.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=219"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/mentalschnupfen.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=219"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/mentalschnupfen.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=219"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}