Kürzlich litt ich wieder an Weisheitsausfluß. Das ist wie ein eiternder Pickel, nur weniger witzig. Ich schrieb da, die Evolutionstheorie finde eine Entsprechung eher in der Geologie als in den Ingenieurwissenschaften.
Das ist noch immer sehr wahr.
Es war da um Homosexualität gegangen. Homosexualität hielt ich eine zeitlang für (natürlich ohne Wertung) unnatürlich. So wie ich es ja auch gewissermaßen für unnatürlich halte, in einer Metallschlange binnen 2h von Frankfurt a. M. nach Stuttgart zu fahren, aber nicht für besonders verwerflich, nicht verwerflicher jedenfalls als mit Messer und Gabel zu essen, was ja auch nicht ganz naturbelassen daherkommt. Gleichzeitig war ich der festen Überzeugung, nichts von Intelligent Design zu halten.
Aber jetzt hatte ich sie plötzlich da, die Natur, die vorgeben mußte, was unnatürlich ist und was nicht. Ihre Adresse hatte ich nicht, konnte somit nicht direkt Kontakt mit ihr aufnehmen und mußte mich also als wertungsfreier Exeget ihres göttlichen Willens betätigen. Da wurde mir dann aber klar: Die Natur muß weg.
Dabei schien doch erst alles so einleuchtend: Sexualität dient der Fortpflanzung, die wiederum ist von der Natur so gewollt, damit sie funktioniert muß man's aber richtig machen, das machen die Homos nicht, also ist das unnatürlich.
Da hat sie also rumgewollt und festgelegt, was richtig und was falsch ist, Mutter Natürchen. Sexualität dient zu etwas, ist also Mittel zum Zweck (Fortpflanzung) und 'die Natur' damit die große, unser aller, Zwecksetzerin.
MomoRules schreibt gelegentlich ganz erhellende Sachen, wenn er den Nietzsche macht* (besonders erhellend ist es ja ohnehin immer, das, was man vor Kurzem noch selbst gedacht hat, von einem anderen formuliert vorzufinden):
Diese Projektion des "Naturzwecks" ist ja genau eine dieser Idiotien, wegen derer ich jetzt aber echt die Schnauze voll habe [...]. Vielleicht ist ja evolutionär Fortpflanzung nur ein Nebeneffekt von Spaß?
[Kommentar bei Metalust & Subdiskurse]
Punkt. Daß die Menschheit so überzeugend gediehen ist, zeigt nichts anderes, als das sie immer genug heterosexuelle Betätigung für die Arterhaltung gab. Mehr nicht. Kein großer Plan, keine über allem waltende 'Natur' und kein Zweck lassen sich daraus herleiten. Über einzelne Individuen erfährt man daraus nichts, oder über deren Natur. Wären von Anfang an alle Menschen homosexuell gewesen, dann gäbe es heute keine Menschheit; na und? Es würde sie wahrscheinlich auch keiner vermissen. Und was ist Arterhaltung überhaupt für ein Lebensinhalt?
Das erstaunliche an der ganzen Chose ist, wie leicht man sich selbst irreführen kann, indem man das eine oder andere Konstrukt erschafft und dann vor sich herträgt wie eine äußerst heilige Monstranz. Die Natur. Mein Designer. Mein Führer.
Deswegen auch die Geologie: Folgt man der Evolutionstheorie konsequent, so unterscheidet sich die Geschichte einer bestimmten Art auf der prinzipiellen Ebene nicht mehr von einem Flußlauf, der nicht irgendwo hin wollte oder gelenkt wurde, sondern der schlicht seinen Weg gegraben hat, wo es eben lang ging. Weiches Gestein. Ausreichend heterosexuelle Aktivität, die häufig da zu finden ist, wo man auch Spaß dran hat. Aber ganz planlos.
*Der Zeitungsleser sagt: diese Partei richtet sich mit einem solchen Fehler zu Grunde. Meine höhere Politik sagt: eine Partei, die solche Fehler macht, ist am Ende [...]. [F. Nietzsche; Götzendämmerung; Die vier grossen Irrthümer, 2]
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